
Krise: das vergangene Lachen
Krisen-Kultur Teil II: Vor kurzem stellte ich ein paar Augenscheinlichkeiten der Wirtschaftskrise im Kiez-Alltag vor (Link), möchte aber nun die Kollektion um ein paar neue sichtbare Exponate erweitern, die zugegebenermaßen etwas “streetart”-lastig daherkommt. Das Wetter wird immer schlechter, die Heizung muss man schon Mitte Oktober auf 5 drehen, die Schweinegrippe steht vor der Tür und die gottverdammten Hundehaufen sind vor allem im Herbst bestens im nassen Laub getarnt. Als ob das Leben nicht schon schwierig genug sei. Halten wir´s doch vor dem Wochenende mit ein bisschen Philippe Djian, der einst schrieb: “Die Frage ist doch nicht, ob man gut zurecht kommt, sondern ob man überhaupt zurecht kommt!”. In 1 1/2 Stunden fahre ich nach Thüringen in den ersten Neuschnee 2009 und hab keine lange Unterhose, sondern nur dicke Socken. Beunruhigend! Mal sehen, ob ich damit zurechtkomme!?

huch, da liegt was ...
Von wegen in der Krise muss jeder selbst sehen wie er klarkommt! Der Altruismus ist wieder Trend, vor allem jetzt, wo schon wieder Lebkuchen, Christstollen (mittlerweile auch als als einzelne Scheibe erhältlich!), Glühwein in den Regalen Einzug halten und Weihnachten sozusagen vor der Türe steht. Gutes Stichwort, denn auch ich fand gestern etwas vor der Tür – genauer – in unserem Hausflur. Hier in der Stadt gehört es zur Normalität, überflüssige Dinge der Öffentlichkeit ohne monetären Gegenzug anzubieten, da irgendjemand immer etwas brauchen kann. Letztens stellte ich meine kaputte Brotbackmaschine, meinen alten defekten Laserdrucker, meinen furchterregenden Walmart-Staubsauger ohne Saugfunktion und eine hässliche Schreibtischlampe auf den Gehweg. Binnen 20 Minuten hatte ich ein Sperrmüllproblem weniger und ein paar andere Menschen ein paar Geräte mehr zu Hause. Aber zurück zum Fundgut im Hausflur:
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Berlin: die Krise hat viele Gesichter
Die Krise. 33% aller Deutschen “ignoriert” sie,
66% aller Deutschen fürchten sie, aber 100% reden über sie. Ich frage mich jedoch, sehen wir sie wirklich? Die Krise? Allgegenwärtig sind uns doch photoshop-inszenierte Opel und Karstadt-Markenlogos hinter Fernsehjournalistenköpfen, die vor großen Mikrofonen über schlecht angezogene, trillerpfeifende Zwangskurzarbeiter im Regen mit selbstgebastelten Protestschildern berichten. Das ist jedoch nicht alles, was die “Krisenszene” zu bieten hat. In den vergangenen 6 Monaten habe ich auf meinen Wegen in Berlin immer wieder interessante Hinweise auf dem Kiez entdeckt, dass die Krise mittlerweile eine regelrechte Szene bedient, welche im Umkehrschluss gewissermaßen auch die Krise nährt.
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die Not bei der Notdurft
Werteverlust: Da ich mit den Westberliner Bezirken bisweilen noch nicht so eng vertraut bin, schaute ich mich am vergangenen Freitagabend etwas in Schöneberg um. Der 116.000 Anwohner zählende Stadtteil wird nach meiner ersten Einschätzung seinem schlechten Ruf nicht gerecht, was jedoch maßgeblich nur dem medienwirksamen Sprech-gestammel von Bushido zu verdanken ist. Während Schöneberg wirklich “schön” ist, war eine andere Begegnung eher unschön, denn ich traf Kurt Cobain auf dem Männerklo und verlor ein Stück meiner postpubertären Ideale an den altersgerechten Realitätsinn mit knapp über 30. Es ist über 15 Jahre her, da hing Nirvanas Frontmann auch über meinem Bett. Jetzt musste ich ihm beim Blasenentlasten in die Augen sehen, was mich irritierte. Ich stelle hiermit fest, dass Kurt Cobain, die stimmgewaltige Personfizierung berechtigter juveniler Wut im Mantel nachvollziehbarer Trauer einer ganzen Generation, nichts über einem Pissoir zu suchen hat, und schon garnicht in Schöneberg! Da dieses Plakat auch noch auf eine “Tribute to Kurt Cobain”-Veranstaltung hinweist, verfehlt es den Zweck sogar doppelt, denn einen Tribut zollt man mit dieser geschmacksfreien Platzierung wahrhaftig niemandem. Das wäre ja fast so, als ob man Tour-Plakate von Roberto Blanco an der Porta Nigra in Trier aufhängen würde. In diesem Sinne: Entdeckt doch mal bitte jemand hier die Möglichkeiten!?
Ausblicke: Horst Köhler Portraits demnächst in jedem Eck-Döner, Erika Eleniak Poster bald obligatorische Deko in Berliner Grundschulen und “The amazing life of Paul Breitner”-Sticker in jedem Hanuta (& Duplo) …
Die Krise hat auch meinen Blog erwischt: Vier Monate Aussetzen: Gehen Sie ins Gefängnis, begeben sie sich direkt dorthin. Gehen sie nicht über Los und ziehen sie keine 4.000 DM ein. Zeit, sich den Details des Debakels zu widmen und gleichermaßen Aufklärung zu betreiben: Die Finanzkrise aus Berliner Sicht: Mandy besitzt eine Bar in Kreuzberg. Um den Umsatz zu steigern, beschliesst sie, die Getränke der Stammkundschaft -hauptsächlich alkoholkranke Hartz IV Empfänger- auf den Deckel zu nehmen, ihnen also Kredit zu gewähren. Das spricht sich in Kreuzberg schnell herum und immer mehr Kundschaft desselben Segments drängt sich in Mandy’s Bar. Da die Kunden sich um die Bezahlung keine Sorgen machen müssen, erhöht Mandy sukzessive die Preise für den Alkohol und erhöht damit massiv ihren Umsatz. weiterlesen …