
Berlin: die Krise hat viele Gesichter
Die Krise. 33% aller Deutschen “ignoriert” sie,
66% aller Deutschen fürchten sie, aber 100% reden über sie. Ich frage mich jedoch, sehen wir sie wirklich? Die Krise? Allgegenwärtig sind uns doch photoshop-inszenierte Opel und Karstadt-Markenlogos hinter Fernsehjournalistenköpfen, die vor großen Mikrofonen über schlecht angezogene, trillerpfeifende Zwangskurzarbeiter im Regen mit selbstgebastelten Protestschildern berichten. Das ist jedoch nicht alles, was die “Krisenszene” zu bieten hat. In den vergangenen 6 Monaten habe ich auf meinen Wegen in Berlin immer wieder interessante Hinweise auf dem Kiez entdeckt, dass die Krise mittlerweile eine regelrechte Szene bedient, welche im Umkehrschluss gewissermaßen auch die Krise nährt.
Der Zynismus in der Motivauswahl und deren Untertitelung ist reine thematische Willkür – die Krise liegt samt ihrer Symbionten schließlich im Auge des Betrachters. Dennoch erscheint derlei kreativer Aktionismus als lebensechtes Indiz dafür, dass es einer Vielzahl von Menschen momentan schlecht oder gar schlechter geht. Selbst wenn dem nicht so wäre, so stünde zumindest noch die kommunizierte Angst im Raum, dass es sich zeitnah so entwickeln könnte. Diesem Thema nimmt sich auch
der aktuelle Spiegel an. Und entgegen der überholten Meinung, dass gut ausgebildete Menschen weitestgehend von der Krise verschont bleiben, musste mein enger Freund und Wegbegleiter
Andreas unlängst am eigenen Leib andere Erfahrungen machen. Mich selber erwischte die kritische Wirtschaftslage bereits Ende des vergangenen Jahres, als ich mich auf Arbeitsuche befand. Dank glücklicher Umstände, einer Portion Bescheidenheit und Dankbarkeit ist es gelungen, mir existenzielle Sorgen zu ersparen und ich mich beruflich zu entfalten. “Studiert und abserviert” – leider keine Seltenheit mehr dieser Tage.
Im zweiten Teil der Fotoserie, welcher ebenfalls bald hier erscheint, stehen vorwiegend krisenlastige Plakate und Street-Art im Fokus, derer man hier jeden Tag aufs Neue begegnet.
Damit das nicht mehr passiert, ist die Addition ab sofort kommunistisch getönt. Kannst Dich natürlich auch registrieren, dann fällt Mathe automatisch flach. Wie siehts aus?
Auf ein Neues, Du Controller und Ex-Mathe-Leistungskursler *g*
Scheiße, jetzt ist mein Kommentar weg, weil ich die blöde Aufgabe nicht gelöst habe. So ein Mist!
Julia kam heute mit neuen Statistiken aus der Schule: 60% aller Elternhäuser in ihrer Schule beziehen Hartz4, jedes 3. Kind hat einen psychopathologischen Befund – und dabei gilt ihre Einrichtung in Berliner Maßstäben nicht einmal als “sozialer Brennpunkt”. Marzan, Neukölln und Lichtenberg toppen das nach wie vor. Wenn ich nicht live dabei wäre, könnte man denken, die Zahlen entstammen einer fiktiven Doku über ein gesellschaftliches Endzeit-Szenario … Mittelstandsatrophie: Die Brasilianisierung Deutschlands
…wenn die Krise anklopft. Und wenn ich so sehe, wer am meistens die Revolution, den Umsturz usw. fordert, dann denke ich doch eher “nää, lass mal!” Zum Glück liegt aber hier in Berlin der Revoluzzer-Kiez und das Botschaftsviertel nicht weit auseinander und irgendwo dazwischen wohnen leute wie ich – frische Verstärkung für die im Rückzug befindliche Mittelschicht
Ich denke, dass mir Urlaub besser bekommen würde als ein Systemumsturz. Trotzdem bin ich heilfroh, diesem Bachelor-Master-Stumpfsinn nicht ausgeliefert gewesen zu sein. Der Abschied von der universitär-humanistischen Bildung ist wahrhaftig das Begräbnis unseres wichtigsten gesellschaftlichen Gutes. Den passenden Artikel gibt es hier zum Internalisieren.
Das deutsche Hochschulsystem täte gut daran, wenn es seine Stärken behält, nicht nur in der Forschung, auch in der Lehre. Während wir heute eine Hinwendung in der US-amerikanischen Lehre hin zu mehr education of the mind erkennen können, laufen wir in Deutschland im Streben nach einer falsch verstandenen, spezifischen Berufsqualifizierung zur Kleinteiligkeit in der Lehre wieder hinterher. Wie schnell indes sich zeitgeistbestimmte Philosophien und Vorbilder als Irrweg herausstellen und ändern können, das macht uns gerade die Finanzwelt vor. (Quelle: spiegel.de)
LG nach FFM!
Hallo Daniel, danke für diese kritischen Zeilen!
Ich glaube sie kommt jetzt langsam, aber eben erst sehr sehr langsam unsere vielzitierte Krise. Und zwar meine ich zu den Menschen.
Bisher ging es um den Finanzsektor, die Banken,…, die Automobilbranche,…, mittlerweile trifft’s die SPD,… Spätestens aber, wenn selbst verlängerte Kurzarbeit-Maßnahmen auslaufen und die Schuldenobergrenze der Staatsfinanzen ausgereizt ist, gibt es keine Verschleppungs- und Abfeder-Mechanismen mehr und dann trifft’s die Bürger. Da sonst noch andere Bereiche wie z.B. unser Bildungssystem im Argen liegen, wäre es doch fast mal wieder an der Zeit für eine Revolution, oder!?
Wir sind das VOLK!
In diesem Sinne ein schönes Wochenende… Andreas
Blog: http://www.andreas-worldwide.com